
Der Gesprächskreis „Christen und Muslime“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat eine Erklärung zum Thema „Gemeinsam für Gerechtigkeit“ veröffentlicht. Rabbiner Drs. Edward van Voolen, Co-Vorsitzender des ZdK-Gesprächskreises „Juden und Christen“, hat am 06. Oktober 2026 im Rahmen einer Vorstellung und Diskussion dieses Dokuments ein unterstützendes Statement abgegeben:
„Gerade heute, an diesem braun-schwarzen Tag in der deutschen Geschichte, ist die christlich-muslimische Erklärung Gemeinsam für Gerechtigkeit von großer Bedeutung – Gerechtigkeit in seiner ganzen Vielfalt, religiös und sozial. Das Dokument passt lückenlos zum Leitwort des nächsten Katholikentages: „Ich bin da” – hinéni auf Hebräisch.
Es ist gut verständlich und klar strukturiert, theologisch sauber unterbaut und vor allem: praktisch und konkret. Die Herausforderungen sind tatsächlich groß und die Auflistung der Handlungsimpulse ist deswegen zurecht lange.
Mir ist sofort aufgefallen, wie groß die Schnittmenge zwischen unseren drei abrahamitischen Traditionen ist. Wir Jüdinnen und Juden teilen ihren religiösen Ausgangspunkt: Der Mensch trägt als Geschöpf in Gottes Ebenbild die Verantwortung für seine Mitmenschen und die ganze Schöpfung. Wir haben die gleichen Kernwerte: neben Gerechtigkeit, Tzedaka, arabisch: ṣadaka, selbstverständlich barmherzige Liebe, Rachamim, arabisch: raḥmah und natürlich Frieden, Schalom, arabisch: salām. Als jüdische, muslimische und christliche Gemeinschaften sollten wir uns gemeinsam dafür einsetzen.
Wir im Gesprächskreis Juden und Christen können dieses profunde Dokument gerne aus jüdischer Perspektive unterstützen mit Beispielen aus der hebräischen Bibel, der rabbinischen Tradition und der Liturgie. Dazu gehören nicht nur klassische jüdische Friedensvorstellungen, sondern auch die in Bezug auf den Krieg im Nahen Osten.
Wie verzweifelt uns die heutige Situation in der Welt auch manchmal macht, sollten wir uns weiterhin mit der Bedeutung des Heiligen Landes für unsere christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinschaften beschäftigen. Wir sollten uns einsetzen für ein friedliches Zusammenleben in unserem Rechtsstaat – ein Zusammenleben, das auch eine Würdigung des Leids auf jüdischer, israelischer und palästinensischer Seite einschließt: Morgen, am 7. Oktober, ist der dritte Jahrestag des Terrorangriffes in Israel und der Anfang des andauernden Kriegs im Nahen Osten. „Diese Spirale der Gewalt muss gestoppt werden. Solange im Heiligen Land unserer drei Religionen, solange in der gesamten Region, von Libanon bis Gaza, von Teheran bis Tel Aviv, nicht Frieden herrscht, wird auch in anderen Teilen der Welt weiter Hass auf die Straßen getragen werden“ – so schreibt mein Kollege und Amtsvorgänger Rabbiner Nachama heute.
Unsere heutige Gesellschaft ist von politischem Radikalismus und Fremdenhass bedroht, Antisemitismus und Antimuslimischer Rassismus sind weitverbreitet. So wie damals, vor 90 Jahren, fängt es mit Worten und Stereotypen an – dem alles entgegenzusetzen mit vorwärts gerichteten Handlungsperspektiven ist eine der Qualitäten dieses Dokuments. Die jüdischen und muslimischen Gemeinschaften sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern eng zusammenarbeiten – und genau damit haben die beiden Gesprächskreise des Zentralkomitees einen Anfang gemacht.
Unsere jüdische Gemeinschaft ist mit 0,25 Prozent der deutschen Bevölkerung die kleinste der abrahamitischen Traditionen. Aber wir haben die längste Erfahrung als Minderheit – jahrhundertelang haben wir mit den gleichen Herausforderungen gekämpft, mit denen die muslimische Gemeinschaft und andere Minderheiten heute in Deutschland kämpfen: für öffentlich sichtbare Bethäuser und Gemeindezentren, Friedhöfe mit ewigem Recht, sowie Recht auf Schächten für Kaschrut und ḥalāl (jüdische bzw. muslimische Speisegesetze), und überhaupt: Respekt für ihre Identität.
Das Dokument des Gesprächskreises ist ein Meilenstein in der Geschichte der Katholischen Kirche. Ich gratuliere herzlich dazu.“