Herausragende Essays zum interreligiösen Dialog ausgezeichnet

Stuttgart. Vier herausragende Essays aus der Studienwoche des letzten Jahres, die von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Kooperation mit der Eugen-Biser-Stiftung veranstaltet werden, wurden am gestrigen Montagabend (5.10.) im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim prämiert. Den Essaypreis vergibt die Georges-Anawati-Stiftung. Unter dem Motto „Sichtbar werden, verstehen, voneinander lernen“ setzten sich die ausgezeichneten Beiträge mit zentralen Fragen des interreligiösen Dialogs auseinander: Wie kann Kunst Begegnung ermöglichen? Welche Rolle spielen Vorurteile und Verdachtslogiken in unserer Gesellschaft? Und wie findet das Göttliche jenseits von Dogmen und Schriften seinen Ausdruck? Die Jury zeigte sich beeindruckt von der Tiefe der Analysen, der Verbindung persönlicher Erfahrungen mit wissenschaftlicher Reflexion und dem Mut, brisante Themen auf innovative Weise zu behandeln.

Mit dem ersten Platz wurde die Theologin Laura Schäfer für ihren Essay „Sehen und gesehen werden im interreligiösen Kontext – Wie trägt Kunst zum Sichtbarwerden der Akteur:innen in interreligiösen Dialogräumen bei?“ ausgezeichnet. Schäfer geht von Paul Klees berühmter Aussage aus, dass Kunst nicht das Sichtbare wiedergebe, sondern sichtbar mache. Schäfer argumentiert dabei, dass Kunst nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Verantwortung schaffe: Sie mache Machtverhältnisse sichtbar und frage, wo das eigene Zeigen andere unsichtbar macht. Die Jury lobte die „poetische Präzision“ und die „theologische Weitsicht“ des Beitrags, der Kunst als Medium der Begegnung und Reflexion stärke.

Den zweiten Platz belegte Şevval Bilgin mit ihrem Essay „Zwischen Zugehörigkeit und Verdachtskultur: Religion im Schatten der offenen Gesellschaft“. Bilgin untersucht darin, wie der gesellschaftliche Radikalisierungsdiskurs die Wahrnehmung sichtbarer Religiosität präge – und selbst zum Problem werde. Ausgehend von einer persönlichen Erfahrung analysiert sie, wie Präventionslogiken jede Form vertiefter Religiosität als potenzielles Risiko deuteten. Dies führe zu einer Spirale aus Misstrauen, Distanz und Selbstbehauptung, die Gläubige zu Beobachtungsobjekten mache. Dialog, so Bilgin mit Verweis auf Martin Buber, gelinge indes nur als „Ich-Du-Begegnung“, die Menschen wahrnehme, statt sie zu beobachten. Die Jury würdigte die „mutige Gesellschaftsdiagnose“, die „Zwischenräume der Wahrnehmung“ fordere.

Zwei dritte Plätze wurden vergeben: Pascal Radtke-Levi überzeugte mit seinem Essay „Homosexualität. Die Aushandlung eines geteilten Problemfeldes und seine potenzielle Bedeutung für den interreligiösen Dialog zwischen Christinnen und Musliminnen“. Radtke-Levi zeigt auf, wie in Christentum und Islam Homosexualität oft auf einzelne Handlungen reduziert wird und plädiert für eine historisch-kritische Neubewertung, die wissenschaftliche Erkenntnisse integriert. Er argumentiert, dass beide Religionen voneinander lernen können: der Islam durch seine positive Sexualitätsauffassung und sein differenziertes Normen-Instrumentarium, das Christentum durch seine Erfahrungen mit historisch-kritischer Exegese.

Ebenfalls mit dem dritten Platz ausgezeichnet wurde Monzer Haider für seinen Essay „Das göttliche Schweigen der Olivenbäume: Erfahrung statt Dogma“. Haider verbindet darin autobiografische Erzählung, Religionsgeschichte und philosophische Reflexion. Im Mittelpunkt steht seine analphabetische, kurdische Großmutter aus Afrin, deren Glaube ohne Texte auskam, „weil sie das Leben gelesen habe“ Haider plädiert für einen „stillen Dialog“, der Wahrheitsansprüche nicht aufhebe, sondern unterlaufe: Nicht das Ringen um Begriffe, sondern das Teilen einer Sehnsucht verbinde Menschen. Die Jury lobte die „literarische Qualität“ und die „radikale Offenheit“ des Beitrags, der „das Göttliche im Alltäglichen sucht“.Die Georges-Anawati-Stiftung fördert den Dialog zwischen Christentum und Islam durch Wissenschaft, Bildung und Kultur. Der jährliche Essay-Wettbewerb richtet sich an Nachwuchswissenschaftler:innen und Praktiker:innen, die innovative Perspektiven auf interreligiöse Fragen entwickeln. Die Studienwoche ist ein Disziplinen und Weltanschauungen übergreifendes Format für ausgewählte Studierende und wird jährlich von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Eugen-Biser-Stiftung veranstaltet.

Die Essays der Preisträger:innen:

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