
Wie gelingt Zusammenleben in einer Gesellschaft, deren Vielfalt längst Alltag ist, aber zunehmend auf Vorbehalte stößt? Beim Festabend am 5. Oktober 2026 in Stuttgart-Hohenheim verbanden sich empirische Befunde mit persönlichen Erfahrungen und neuen Perspektiven auf den interreligiösen Dialog. Dr. Ferdinand Mirbach hielt den Festvortrag; vier Beiträge aus der Studienwoche 2025 wurden mit dem Essaypreis der Georges-Anawati-Stiftung ausgezeichnet.
Zusammenhalt braucht Begegnung. Doch wer begegnet sich dabei eigentlich – Vertreterinnen und Vertreter von Religionen oder Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Überzeugungen und Erwartungen? Und wie offen ist ein Dialog, wenn manche ihre religiöse Identität lieber vor der Tür lassen, um dazuzugehören? Solche Fragen prägten den Festabend „Was uns zusammenhält. Weichenstellungen für eine vielfältige Gesellschaft“. Sie verbanden den Vortrag über die gesellschaftliche Akzeptanz von Vielfalt mit den ausgezeichneten Essays und der anschließenden Diskussion vor Ort und online.
In seiner Begrüßung hob Dr. Christian Ströbele von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Verbindung von wissenschaftlichem Austausch und praktischer Zusammenarbeit hervor: Die gemeinsam mit der Eugen-Biser-Stiftung veranstaltete Studienwoche bringt Nachwuchswissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen zusammen und steht im Austausch mit dem Theologischen Forum Christentum – Islam; und mit der Islamberatung reicht diese Zusammenarbeit zugleich in die konkrete Arbeit vor Ort hinein: dorthin, wo Kommunen, Religionsgemeinschaften und andere Beteiligte Fragen des Zusammenlebens bearbeiten.
Vielfalt unter Druck – Zusammenhalt als Aufgabe
Dr. Ferdinand Mirbach, der bei der Robert Bosch Stiftung im Themenbereich Demokratie arbeitet, begann mit einer ernüchternden Diagnose. Krisen und Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit und gesellschaftliche Veränderungen hinterließen bei vielen Menschen das Gefühl, Vertrautes zu verlieren. Wachsende Vielfalt werde dabei häufig als Ursache für schwindenden Zusammenhalt wahrgenommen. Doch folgt daraus tatsächlich, dass eine vielfältigere Gesellschaft weniger zusammenhalten kann?
Anhand des „Vielfaltsbarometers 2025“ erläuterte er, wie deutlich die Akzeptanz gesellschaftlicher Vielfalt zurückgegangen sei. Während 2019 noch 63 Prozent der Befragten Vielfalt als Bereicherung angesehen hatten, waren es 2025 nur noch 45 Prozent. Die Entwicklung verlaufe allerdings nicht einheitlich: Bei Alter, Geschlecht und Behinderung sei die Akzeptanz stabil geblieben oder leicht gestiegen, bei ethnischer Herkunft, Religion, sexueller Orientierung und sozioökonomischer Schwäche dagegen teilweise erheblich gesunken.
Aus diesen Befunden leitete Mirbach sechs Empfehlungen ab. An erster Stelle standen Begegnung, Dialog und verlässliche Wissensvermittlung. Menschen, die Kontakt zu anderen Gruppen hätten, seien diesen gegenüber häufig offener eingestellt. Besonders wichtig seien deshalb Nachbarschaften und andere Orte alltäglicher Begegnung. Die Islamberatung nannte er als Beispiel dafür, wie fachliche Unterstützung vor Ort Wissen vermitteln und Verständigung ermöglichen könne. Zugleich brauche es den entschiedenen Einsatz für demokratische Werte und gegen Diskriminierung. Empathie sei wichtig; gegenüber Intoleranz dürfe die Gesellschaft jedoch nicht auf bloße Appelle vertrauen.
Weitere Empfehlungen betrafen die Anerkennung individueller Lebensleistungen, einen verantwortungsvollen öffentlichen Sprachgebrauch und die Stärkung des Vertrauens in Politik. Abstiegsängste dürften nicht kleingeredet, gesellschaftliche Gruppen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Politik und Medien hätten die Aufgabe, zu erklären und zu differenzieren, statt mit Pauschalisierungen die Spaltung zu verschärfen. Mehr Beteiligung und ein nachvollziehbares Erklären politischer Entscheidungen könnten Menschen darin bestärken, selbst etwas bewirken zu können.
Besondere Aufmerksamkeit galt Mirbachs sechster Empfehlung: Religion als gesellschaftlich relevanten Faktor anzuerkennen. Religion sei im Vielfaltsbarometer die am wenigsten akzeptierte Dimension; lediglich 24 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, der Islam passe in die westliche Welt. Mirbach benannte zugleich ausgrenzende Einstellungen innerhalb bestimmter religiöser Gruppen, etwa gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Sein Plädoyer zielte deshalb auf eine ehrliche Auseinandersetzung: Wo stiften Religionen Sinn, Zugehörigkeit und Teilhabe – und wo grenzen sie Menschen aus? Religiöse Menschen vor Diskriminierung zu schützen und Ausgrenzung durch religiöse Menschen zu kritisieren gehörte für ihn zusammen.
Vier Essays, vier Zugänge zum Dialog
Wie konkret diese Fragen werden können, zeigte die anschließende Preisverleihung. Prof. Dr. Harald Suermann würdigte für die Georges-Anawati-Stiftung vier Essays, die wissenschaftliche Reflexion mit persönlichen Erfahrungen und eigenständigen Fragestellungen verbanden. Den ersten Preis erhielt Laura Schäfer, den zweiten Sevval Bilgin. Zwei dritte Preise gingen an Pascal Radtke-Levi und Monzer Haider.
Laura Schäfer untersuchte, was Kunst in interreligiösen Dialogräumen sichtbar machen kann. Kunst zeige, wie Menschen sich selbst verstehen, wie sie wahrgenommen werden möchten und wie sie sich als Teil eines gemeinsamen Zusammenhangs erfahren. Suermann würdigte dabei auch den kritischen Blick auf Machtverhältnisse und mögliche Vereinnahmungen. Im Gespräch erläuterte Schäfer, dass Kunst für sie weit mehr sei als eine zusätzliche Ausdrucksform: Sie könne Erfahrungen zugänglich machen, für die Worte fehlten, und eine eigene Weise sein, das Leben wahrzunehmen und zu deuten.
Sevval Bilgin setzte sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Zugehörigkeit und Verdachtskultur auseinander. Ihr Essay fragte danach, was geschieht, wenn sichtbare Religiosität vor allem als mögliches Risiko betrachtet wird. Die Jurastudentin schilderte im Gespräch die Erfahrung, in bestimmten Zusammenhängen ihre religiöse Identität zurückzunehmen, obwohl Religion ihren Alltag und ihr Selbstverständnis präge. Ihr Anliegen reichte damit über die Begegnung zwischen Religionsgemeinschaften hinaus: Religiöse Menschen müssten auch im allgemeinen gesellschaftlichen Gespräch mit ihrer Perspektive vorkommen können. Ein Dialog, an dem immer nur diejenigen teilnähmen, die ohnehin keine Vorbehalte gegenüber Religion hätten, greife zu kurz.
Pascal Radtke-Levi widmete sich der Frage, welche Möglichkeiten die Auseinandersetzung mit Homosexualität für das gegenseitige Lernen von Christinnen, Christen, Musliminnen und Muslimen eröffnet. Er plädierte dafür, theologische Bewertungen im Gespräch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu überprüfen. In der Diskussion rückte er ethische Maßstäbe wie Einvernehmlichkeit, Gegenseitigkeit und das Nichtverletzen anderer in den Mittelpunkt. Dabei erinnerte er daran, dass theologische Debatten konkrete Menschen betreffen. Für die Praxis formulierte er eine entsprechend klare Forderung: Räume schaffen, in denen mit queeren Menschen gesprochen wird, statt lediglich über sie.
Monzer Haider eröffnete mit „Das göttliche Schweigen der Olivenbäume“ einen poetischen Zugang. Ausgangspunkt waren die religiösen Erfahrungen seiner Großmutter, die weder lesen noch schreiben konnte. Wahrnehmung, Mitgefühl und Schweigen erschienen dabei als Möglichkeiten der Verständigung, die nicht zuerst auf begriffliche Übereinstimmung angewiesen sind. Haider warnte zudem davor, Religionsgemeinschaften im Dialog als einheitliche Größen darzustellen. Wer pauschal erkläre, wie „der Islam“ oder „das Christentum“ sei, verliere leicht die Unterschiede innerhalb der jeweiligen Gemeinschaften aus dem Blick. Sein Plädoyer galt deshalb auch dem innerreligiösen Austausch und einer Sprache, die Menschen außerhalb akademischer Kreise erreicht.
Unterschiede aushalten – auch im Verständnis von Dialog
Die von Stefan Zinsmeister moderierte Diskussion führte diese Perspektiven zusammen, ohne ihre Spannungen aufzulösen. In den Antworten auf eine Frage aus dem Publikum wurde besonders deutlich, dass schon die Rolle von Religion unterschiedlich verstanden werden kann. Haider warnte davor, Menschen auf eine religiöse Identität festzulegen und etwa soziale Probleme vorschnell zu religiösen Fragen zu machen. Bilgin hielt dagegen, dass Religion für viele Menschen eine umfassende Lebensethik sei und sich nicht künstlich auf abgegrenzte religiöse Räume beschränken lasse.
Darin zeigte sich eine zentrale Herausforderung des Abends: Menschen weder auf ihre Religion zu reduzieren noch ihnen abzuverlangen, diese auszublenden. Radtke-Levi erinnerte daran, dass Einzelne nicht automatisch für eine ganze Religionsgemeinschaft sprächen und manche theologischen Unterschiede bestehen blieben. Schäfer ergänzte, dass auch die Erwartungen an einen Dialog auseinandergehen könnten. Sich immer wieder erklären zu müssen, koste Kraft. Verständigung brauche deshalb ebenso Räume, in denen Menschen einfach da sein könnten, ohne fortwährend Auskunft über sich geben zu müssen.
Der Anfang liegt oft nebenan
Zum Schluss wurde die Diskussion praktisch. Haider skizzierte die Idee einer Dokumentationsreise, die insbesondere älteren Frauen Raum geben sollte, ihre Erfahrungen zu erzählen. Schäfer stellte das interreligiöse Projekt „Weißt du, wer ich bin?“ vor und berichtete von Begegnungsformaten, die gemeinsames Kochen, Sport oder das Erzählen von Geschichten ermöglichen. Bilgin regte an, Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche darüber ins Gespräch zu bringen, wie mehr Stimmen in demokratischen Prozessen Gehör finden könnten.
Einen einfachen Ausgangspunkt beschrieb Schäfer mit einem Rat, den sie selbst zu Beginn ihres interreligiösen Engagements erhalten hatte: in der eigenen Nachbarschaft anfangen. Schauen, wer gegenüber wohnt, welche Bedürfnisse und Möglichkeiten es gibt – und einen ersten Schritt tun. So kehrte der Abend zu Mirbachs Ausgangsfrage zurück.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt, so ein Zwischenstand der Diskussionen, ist kein Zustand, den man durch die Beseitigung aller Unterschiede erreicht, sondern vielmehr eine Aufgabe, die mit Begegnung, Anerkennung und der Bereitschaft beginnt, einander wirklich zuzuhören.