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Rechtspopulismus in Ostdeutschland – historische und gesellschaftliche Einbettungen und Dynamiken

Der Sozialwissenschaftler Prof. Raj Kollmorgen (Zittau/Görlitz) betrachtet in seinem Vortrag im Rahmen der Jahrestagung des Theologischen Forums Christentum – Islam 2022 („Rechtspopulismus und Religion. Herausforderungen für Christentum und Islam“) den Rechtspopulismus im ostdeutschen Kontext. Dieser stehe zwar pars pro toto für Europa, weise aber zugleich auch Spezifika auf.

Seit die AfD die politische Bühne betreten habe, sei diese in Ostdeutschland in etwa doppelt so stark wie im Westen. Zur Erklärung böten sich zunächst die sozioökonomischen Unterschiede an, die in den neuen Bundesländern besonders ausgeprägt sind. So finden sich dort häufiger ältere Bevölkerungsgruppen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und strukturschwache, ländlich-periphere Regionen – allesamt Faktoren, die die Anfälligkeit für rechtspopulistische Narrative erhöhen. Allerdings greife diese Erklärung allein zu kurz, da selbst innerhalb vergleichbarer sozialer Milieus die Zustimmung zur AfD im Osten deutlich höher ausfällt als im Westen. Dies deute darauf hin, dass neben materiellen Deprivationen auch tief verwurzelte politisch-kulturelle Prägungen eine zentrale Rolle spielen.

Ein zweiter Erklärungsansatz bezieht sich auf die ostdeutsche Geschichte, die nach Kollmorgen eine ambivalente Haltung gegenüber demokratischen Strukturen und Institutionen hervorgebracht habe. Die DDR habe zwar eine scheinbar homogene, proletarisch geprägte Gesellschaftsideologie propagiert, gleichzeitig aber durch ihre autoritäre Staatsstruktur eine Kultur der Überpolitisierung bei gleichzeitiger Unterdrückung echter Partizipation geschaffen. Die Bevölkerung lernte, den Staat als allzuständige Instanz zu adressieren – etwa durch Eingaben oder Pflichtengagement in staatlichen Organisationen –, während gleichzeitig ein tiefes Misstrauen gegenüber Eliten und politischen Institutionen entstand. Diese widersprüchliche Erfahrung prägte ein Politikverständnis, das weniger auf demokratische Teilhabe als auf materielle Versorgung und paternalistische Fürsorge ausgerichtet war. Die friedliche Revolution von 1989 brachte zwar einen kurzzeitigen partizipatorischen Aufbruch mit sich, doch die schnelle Vereinigung nach westdeutschem Vorbild führte bei vielen Ostdeutschen zu Enttäuschung. Statt selbstbestimmter Gestaltung dominierte das Gefühl, erneut von externen Eliten bevormundet zu werden – ein Narrativ, das rechtspopulistische Bewegungen wie die AfD gezielt aufgriffen.

Besonders prägend waren zudem die Transformationserfahrungen nach 1990, die Kollmorgen als Abfolge von „Enttäuschungswellen“ beschreibt. Die Deindustrialisierung, hohe Arbeitslosigkeit und die Abwertung ostdeutscher Biografien in den 1990er Jahren schufen ein Klima der Verunsicherung, das durch spätere Krisen wie die Hartz-IV-Reformen, die Finanzkrise 2008 und schließlich die Flüchtlingsbewegung ab 2015 weiter verstärkt wurde. Jede dieser Phasen festigte das Gefühl, von den etablierten Parteien und Medien ignoriert zu werden, und nährte die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und klaren Feindbildern. Die AfD profitierte dabei von einer spezifisch ostdeutschen Protestkultur, die sich bereits in den Montagsdemonstrationen der Wendezeit und späteren sozialen Bewegungen manifestiert hatte. Gleichzeitig knüpfte sie an historisch gewachsene Mentalitäten an – etwa an die lutherisch geprägte Vorstellung eines homogenen „Volkskörpers“ oder an die staatssozialistische Tradition der Freund-Feind-Dichotomie.

Kollmorgen betont, dass der ostdeutsche Rechtspopulismus zwar besondere Ausprägungen aufweist, aber kein isoliertes Phänomen darstellt. Vielmehr zeige er exemplarisch, wie gesellschaftliche Umbrüche und Transformationsprozesse rechtspopulistische Bewegungen begünstigen können – ein Muster, das sich auch in anderen postsozialistischen Ländern Osteuropas oder in westdeutschen Krisenregionen beobachten lässt. Die Herausforderung bestehe darin, diese Entwicklungen nicht als unabänderliches Schicksal zu betrachten, sondern ihre historischen und kulturellen Wurzeln ernst zu nehmen, ohne sie zu essentialisieren. Nur so ließen sich Gegenstrategien entwickeln, die über rein ökonomische Angleichungsprozesse hinausgehen und stattdessen auf politische Bildung, zivilgesellschaftliche Teilhabe und die Anerkennung ostdeutscher Erfahrungen setzen.

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